Prof. Dr. h.c. mult. Reinhold Würth im Interview mit Norman Gräter

//Prof. Dr. h.c. mult. Reinhold Würth im Interview mit Norman Gräter

 

Norman Gräters Interview mit Prof. Dr. h.c. mult Reinhold Würth erschien auch am 02.08.2018 in der „Huffington Post Deutschland“.

NG: Die Würth Gruppe erwirtschaftete 2016 mit 11,8 Milliarden Euro einen neuen Umsatzrekord. Im Betriebsergebnis weist Würth mit 17,1 Prozent ein zweistelliges Wachstum aus. Das Betriebsergebnis beträgt 615 Millionen Euro, was einer Steigerung zum Vorjahr von 17,1 Prozent entspricht. Mit mehr als 400 Gesellschaften in 80 Ländern, über 72.000 Mitarbeitern, davon 32.000 im Außendienst, ist Würth der Weltmarktführer im Bereich Handel mit Montage- und Befestigungsmaterial.

Der Aufbau der Würth Gruppe ist das Lebenswerk von Professor Doktor Reinhold Würth. Die Firma wurde 1945 in Künzelsau gegründet. Nach dem frühen Tod des Vaters im Jahr 54 übernahm Reinhold Würth als 19-jähriger den damaligen Zwei-Mann-Betrieb. Von den frühen Anfängen her hat Reinhold Würth eine Unternehmenskultur geprägt, die auf Grundwerten wie Optimismus, Dynamik, Hochachtung vor den Menschen und ihren Leistungen, sowie aktiven Einsatz für die Kunden basiert und die ein maßgeblicher Erfolgsmotor für Familienunternehmen ist.

Verkaufen als Beruf und Leidenschaft

Heute ist Professor Würth Vorsitzender des Stiftungsaufsichtsrats der Würth-Gruppe und ich freue mich sehr, dass Sie sich heute Zeit genommen haben für dieses Interview. Und mich würde persönlich direkt interessieren: Ist denn Ihr Beruf Ihre Leidenschaft – das Verkaufen – und wann haben Sie das entdeckt?

RW: Also zunächst mal sind Ihre Zahlen komplett veraltet. Wir haben jetzt gleich das Jahr 2017 rum und ich werde dieses Jahr 2017 mit neuem Rekord abschließen: Mit 12,6-12,7 Milliarden Euro Umsatz. Und Verkaufen gehört eigentlich zu meinem Leben. Für mich ist der Verkäuferberuf sowieso der Schönste, den es überhaupt gibt. Weil man permanent mit den unterschiedlichsten Menschen zusammenkommt.

Das ist unglaublich, was auf Gottes Erdboden unterwegs ist an Charakteren. Was sehr schön ist, man kann sich als Verkäufer eine sehr ausgeprägte Menschenkenntnis aneignen. Ich bin jetzt immerhin im 83. Lebensjahr und habe am ersten Oktober mein 68. Berufsjahr begonnen. Wenn man nach Jahrzehnten als Kaufmann mit so vielen Menschen zusammen war, dann kann man recht schnell einschätzen, mit wem man es zu tun hat. Ob das ein Großsprecher ist, ob das ein Sanguiniker ist, ein Choleriker, einer, auf den man sich verlassen kann, und das empfinde ich als sehr, sehr schön.

Karrierebeginn im Unternehmen des Vaters

NG: Sie wurden ja als 19-Jähriger mehr oder weniger ins kalte Wasser geworfen. Waren Sie vorher schon als „Stift“ (Auszubildender) in der Firma Ihres Vaters, haben Sie quasi schon erste Eindrücke gekriegt – oder war das wirklich von der Schule direkt in die Firma?

RW: Mein Vater hat mich nach den acht Pflichtschuljahren von der Schule genommen. Ich war in der damaligen „Oberschule für Jungen“, das in Künzelsau hieß, hätte als Grundausbildung eigentlich sechs Jahre dort verbringen müssen bis zur mittleren Reife. Aber nach vier Jahren sagte der Vater: „Der Kerle soll nicht auf der Schulbank rumrutschen, der soll was schaffen.“

Und das war eine unglaublich kluge Entscheidung für die ich meinen Vater heute noch posthum dankbar bin. Weil er natürlich nicht ganz gesund war. Er war auch nicht Soldat, weil er einen Herzfehler hatte und vielleicht doch vermutet hatte, dass eine Lebensspanne nicht sehr lang sein würde. Ich habe dann von 1949 bis 52 die kaufmännische Lehre gemacht und bis zu seinem Tod 1954 noch mit ihm zusammengearbeitet. Also er hat mich fünf Jahre lang wirklich toll ausgebildet, hat mir all seine Kenntnisse, sein Know-how übertragen, so dass ich ganz gut ausgerüstet war. Er hat mich beispielsweise schon als 16-Jähriger 14 Tage nach Düsseldorf und Essen gejagt und hat gesagt: „Jetzt gehst du mal verkaufen.“

Mit 16 Jahren als Verkäufer in den Außendienst

So als 16-Jähriger bin ich sicher, dass mir mancher Kunde nur einen Auftrag gegeben hat, weil da so ein Bubi daherkam, um Schrauben zu verkaufen. Aber nach den zwei Wochen kam ich mit netten Aufträgen nach Hause. Und das sind dann die ersten Erfahrungen schon mit 16 gewesen als Außendienstler, die ich dann in der Zeit des Aufbaus natürlich unglaublich gut gebrauchen konnte.

Ich war den ersten Jahren immer mit 120.000 Kilometer pro Jahr unterwegs in der Republik, hab Kunden besucht, habe Aufträge gemacht und ja, so ist das Unternehmen dann von Jahr zu Jahr gewachsen. Wir haben dann Verkäufer eingestellt und ich konnte natürlich die Zeit des Deutschen Wirtschaftswunders nützen. Nach dem zweiten Weltkrieg war das Land zerstört. Man brauchte Befestigungsmaterial ohne Ende, so dass das Verkaufen kein großes Problem war.

Expansion ins Ausland ab 1962

NG: Wann sind Sie dann ins Ausland expandiert? Das heißt, Sie hatten ja irgendwann wahrscheinlich Wachstum in Deutschland und haben gesagt: „Jetzt schaue ich mal außerhalb der Grenzen“?

RW: Ja, also auch das habe ich von meinem Vater übernommen. Der war ja schon 25 Jahre lang in dieser Schraubenbranche tätig und er hatte bei seinem früheren Arbeitgeber schon Kunden in der Schweiz besucht und akquiriert, so dass das für mich nichts Besonderes war.

Auch mein Vater ist mit mir in die Schweiz gereist. Also wir hatten schon Kunden in der Schweiz. Und so habe ich seit 1962 die erste Auslandsgesellschaft in Deutschland gegründet, kurz darauf dann in der Schweiz, in Österreich und in Italien. Heute sind wir in 80 Ländern mit eigenen Verkaufsgesellschaften tätig.

Entscheidung zur Expansion hängt von vielen Faktoren ab

NG: Ab wann würden Sie jemandem raten, ins Ausland zu expandieren? Wenn er quasi beide Beine solide in Deutschland hat oder sagen Sie: „Geht direkt raus in die Welt, weil da gibt es ein riesen Markt“?

RW: Ach, das kann man so nicht beantworten. Ich meine, das muss in jedem Fall neu definiert werden und es kommt darauf an, wie die Marktchancen im Inland sind, es kommt darauf an, wie die Finanzmittel vorhanden sind, um überhaupt expandieren zu können und auch wie die Marktgegebenheiten im jeweiligen Ausland sind. Also diese Frage kann man nicht generell beantworten. Das muss man von Fall zu Fall entscheiden.

Enge Verbindung zum Unternehmen wie zur Familie

NG: Haben Sie denn ein Motto, das Sie antreibt? Heute, mit 83 Jahren, könnten Sie ja sagen, ich genieße meinen Ruhestand. Kommen Sie trotzdem immer noch liebend gern in die Firma?

RW: Ja, ich bin noch keine 83. 82 1/2. Natürlich empfinde ich dieses Unternehmen schon ein bisschen als mein Baby, sozusagen als mein Kind. So, wie man mit seinen Kindern, wie wir in unserer Familie auch (wir haben ja drei Kinder und fünf Enkelkinder und schon eine Urenkeltochter) permanent verbunden ist und wenigstens so täglich wöchentlich mal telefoniert – „Wie geht es euch, was macht ihr so?“.

Genauso ist natürlich ein Unternehmen, das man mit zwei Mann angefangen hat. Ich habe ja den Betrieb 1954 mit zwei Mitarbeitern übernommen und hab das dann eben aufgebaut und habe das begleitet. Dann sind sie einfach mit so einem Gebilde verbunden. Natürlich bin ich in meiner heutigen Position als Stiftungsaufsichtsratsvorsitzender nicht mehr im Tagesgeschäft drin, aber mein Anliegen ist natürlich trotzdem, diesem Unternehmen auch eine gute Zukunft zu sichern.

Unternehmenserfolg bedingt Krisensicherheit und Bewegung

Ich möchte also das Unternehmen krisensicher machen für die Zeit nach mir – und das wird ja irgendwann in allernächster Zeit passieren. Das Unternehmen hat jetzt schon seit 20 Jahren ein Rating von Standard & Poor´s mit „A Stabil“. Wir haben eine Eigenkapitalquote, die bei 49 Prozent liegt. Also das Unternehmen ist sehr solide aufgestellt und das wollen wir in die Zukunft hinein auch so fortsetzen.

Allerdings ist ganz klar, ein Unternehmen muss sich bewegen. Ein Unternehmen kann nur weiter existieren, wenn es nicht auf der Stelle tritt, wenn es sich weiterentwickelt, wenn durch Akquisitionen oder durch eigene Entwicklungen weitere Umsätze aufgebaut und generiert werden. Das gehört einfach zur Lebensäußerung eines gesunden Unternehmens dazu. Da sind wir so glaub ich, auf einem guten Weg.

Gelungene Balance zwischen Familien- und Geschäftsleben

NG: Wie haben sie es in all den Jahren geschafft, das Familiäre und das Geschäftsleben so toll zu balancieren? Sie haben sehr, sehr viel Einsatz gebracht – wie haben Sie es persönlich gemacht zu sagen, Sie sind jetzt nicht nur in der Firma, sondern Sie geben auch der Familie einen gewissen Teil Ihrer Zeit?

RW: Ja gut, ich bin ja jetzt im 62. Jahr mit meiner lieben Frau verheiratet. Das ist eine ganz schön lange Zeit, mein lieber Mann. Und es war eine schöne Zeit. Wir hatten auch mal eine Krise, das ließ sich auch nicht auszuschließen, dass es so was mal gibt. Aber meine liebe Frau war eben der Anker möchte ich mal sagen, die „Anchorage“ für die ganze Familie und man kann sie schon sozusagen als Stammmutter bezeichnen. Und sie ist heute noch eigentlich der Mittelpunkt der Familie und wir alle freuen uns, wenn wir zusammen sind.

Allerdings hat die Kindererziehung, die Betreuung der Kinder natürlich zu 90 Prozent meine Frau übernommen. Also sie hat mir sehr, sehr viel Zeit überlassen für das Unternehmen und das war natürlich auch mein Hauptanliegen, dieses Unternehmen voranzubringen. Ich habe heute noch oft 12- bis 14-stündige Arbeitstage. Ich bin gestern Abend erst um 10 Uhr nach Hause gekommen von einer Weihnachtsfeier von der Würth Finanz in Rorschach in der Schweiz. Heute Morgen habe ich schon um 8 Uhr wieder beim VK1 einen neuen Rekord mit den Mitarbeitern gefeiert, habe denen gratuliert zu einem neuen Umsatzrekord. Also ich bin noch relativ aktiv.

Solide Partnerschaft als Erfolgsfaktor

NG: Denken Sie, Sie hätten den ganzen Erfolg „kreieren“ können, wenn Sie Ihre liebe Carmen nicht gehabt hätten? Also wie wichtig denken Sie, ist eine solide Partnerschaft, eine solide Ehe – dass jemand da ist, der einem wirklich den Rücken freihält?

RW: Ja also, diesen Spruch kennt ja jeder: Hinter jedem erfolgreichen Mann steckt eine starke Frau. Das wissen Sie ja am besten. Und so ist es bei uns natürlich auch. Meine Frau hat sich in den letzten Jahren auch sehr stark emanzipiert möchte ich mal sagen.

Sie hat sich unglaublich engagiert in der Behindertenpflege und Behindertenbetreuung, hat er viele Aktivitäten unternommen, hat zum Beispiel auch einen Stiftungslehrstuhl an der Technischen Universität in München finanziert und sie macht da sehr viel. Ich unterstütze das und freue mich und bin öfters auch dabei, wenn sie ein Interview gibt oder wenn sie einen Vortrag hält. Und ja, so unterstützen wir uns gegenseitig.

Entscheidung zugunsten der Familie verdient Respekt

NG: Wenn die Unterstützung jetzt nicht da wäre und es käme ein junger Unternehmer auf Sie zu und sagt: „Meine Partnerin hat leider eine ganz andere Vision und meine Vision, z.B. mit der Firma, ist eben in die eine Richtung und Ihre Richtung ist eine Andere“ – was würden Sie ihm raten?

RW: Tja, ich bin ja kein Eheberater. Also auch da kann ich nichts dazu sagen. Das muss individuell jeweils gesprochen werden und diskutiert werden. Das muss abgewogen werden und meiner Ansicht nach ist natürlich der familiäre Part schon primär zu sehen.

Ich habe da volles Verständnis, wenn wir beispielsweise im Unternehmen ab und an unglaublich tüchtige junge Leute haben, denen man eine wunderbare Karriere anbieten könnte, irgendwo im Ausland, aber dann heißt es, die Partnerin, die Frau, die Familie wollen unter keinen Umständen hier weg. Das muss man respektieren. So treffen manche Menschen eben eine Entscheidung zugunsten der Familie, zu Lasten einer noch schneller wachsenden Karriere. Wie gesagt, das respektiere ich und wird vermutlich auch richtig sein.

Verantwortung macht keine Pause

NG: Sie haben vor vielen Jahren mal einen Satz gesagt, über den ich heute immer noch schmunzle. Als ich Sie gefragt habe, was wäre so ein Wunsch, den Sie in Zukunft haben. Und wenn ich mich recht entsinne haben Sie gesagt: „Irgendwann mal, wenn die Zeit noch weiter fortgeschritten ist, dann schmeiß ich die Postkoffer über Bord.“ Sie bekommen heute ja noch Massen an Post und Briefen. Gibt es denn für einen Reinhold Würth auch eine komplette Auszeit, wo Sie sagen, kein Handy, kein Postkoffer, gar nichts? Nur ich, nur meine Carmen, nur die Familie?

RW: Es gibt es eigentlich nicht. Selbst wenn ich mit meinem Boot unterwegs bin, habe ich hier meine Postkoffer dabei und diktiere die Post und schicke die per Internet hierher ins Sekretariat, so dass manche Briefschreiber schon am nächsten Morgen die Antwort haben und wundern sich, wie das geht, wenn ich halt in Neuseeland unterwegs bin von der Zeitzone her, kann das dann sein, dass schon ein paar Stunden später die Antwort auf dem Tisch liegt.

Sie werden das einfach nicht los und ich mein, einmal ist sowieso Ende. Wissen Sie, die Verantwortung treibt mich eben schon ein bisschen. 74.000 Arbeitsplätze sind ja der Volkswirtschaft gesehen eine Petitesse, aber wenn dann Siemens eben in seinem Großturbinenbau in diesen Tagen 5.000 Arbeitsplätze abbauen will, dann ist das sogar ein Politikum, wo sich die Bundesregierung einmischt.

Verpflichtung zur Sicherung von Arbeitsplätzen

Also man sieht, wie wichtig auch die Arbeitsplätze sind und diese Verantwortung empfinde ich schon dem Artikel 14 des Grundgesetzes folgend, eben diese soziale Verpflichtung des Eigentums. Insofern ist mir auch eben eine Sorge, dass wir die Arbeitsplätze sicher halten, die Arbeitsplätze erhalten und vielleicht noch einige Neue schaffen.

Unternehmen als „elektrische Eisenbahn“

NG: Ist das auch Teil Ihres Antriebs, weil viele Menschen, die Ihr Arbeitspensum gesprochen, schon lange im Burn-Out, aber Sie haben so einen unheimlichen Burn-In und so eine Kraft. Liegt das mitunter eben an diesen über 70.000 Menschen, dass Sie sagen, „Ich habe die Verantwortung“?

RW: Wissen Sie, es macht natürlich auch Spaß. Also ich hab ja früher öfter mal gesagt, dieses Unternehmen ist eigentlich meine elektrische Eisenbahn – und wenn da drei Züge fahren und stoßen nicht zusammen und man kann das alles schön steuern, das ist ein sehr schönes Gefühl, wenn dann wieder ein Jahr erfolgreich gelaufen ist. Nicht, weil da jetzt noch ein paar hundert Millionen Eigenkapital zuwachsen, sondern einfach weil es gelungen ist, die Ziele zu erreichen. Das ist ein Wert an sich und dieses Gefühl möchte ich natürlich auch nicht missen.

Trotz Niederlagen nach vorn blicken

NG: Was war denn in all Ihren Jahren der Arbeit ihr größter und vielleicht auch schmerzhaftester Lerneffekt und was haben Sie daraus gelernt?

RW: Also da fällt mir jetzt gar nichts ein. Ich meine, natürlich hat es auch Niederlagen gegeben im Unternehmen. Aber keine war für die Existenz gefährdend. Ich meine, vor Jahrzehnten, in den 70er Jahren hatte ich mal eine Würth Bau gegründet, also ein Bauunternehmen. Das hatte in seiner besten Zeit über 300 Mitarbeiter. In der folgenden Baukrise habe ich das dann zugemacht – mit 10 Millionen D-Mark Verlust; ich habe aber natürlich alle Schulden des Unternehmens bis auf den letzten Pfennig bezahlt.

„Wachstum ohne Gewinn ist tödlich“

Ich habe auch die Mitarbeiter unterstützt, neue Arbeitsplätze zu finden. Wir haben damals herumtelefoniert und haben versucht, Arbeitsplätze zu finden für die Menschen, so dass das eigentlich sehr geordnet über die Bühne gegangen ist und alle Baumängel wurden restlos beseitigt. Das war natürlich doch ein Erlebnis, wo ich mir erneut diesen Spruch wiederbelebt hatte: „Wachstum ohne Gewinn ist tödlich.“ Und das ist mein Motto geblieben bis heute. Also das ist ganz wichtig, wenn man wächst ohne Geld zu verdienen, kann das nur in den Ruin führen.

Glaube an eine „ordnende Hand“

NG: Vor einigen Wochen habe ich einen amerikanischen Pastor gehört der gesagt hat, „Life does not happen to you, life happens for you“. Quasi, das Leben passiert ja nicht einfach, es passiert für dich. Glauben Sie denn persönlich an eine höhere Macht und falls ja, was für einen Einfluss hat das auf Ihr Leben und auch auf Ihr Arbeiten?

RW: Ja gut, ich bin von der Familie her schon sehr religiös erzogen worden. Und wenn ich mir die ganze Schöpfung anschaue, ist einfach undenkbar, dass das aus dem Nichts entstanden ist, so irgendwie halt über Millionen, Milliarden Jahre Evolution. Wenn ich mir nur den menschlichen Körper mit seiner unglaublichen Komplexität, mit den unterschiedlichen Organen anschaue, das ist so ein unglaubliches Wunderwerk, dass da ein Schöpfer dahinterstehen muss.

Selbst wenn er das über Darwinschen Theorien, über die Evolution hätte wachsen lassen, müsste trotzdem eine ordnende Hand dahintergestanden haben. Und so brauche ich keinen Gottesbeweis. Das der liebe Gott existiert, ist für mich 100 % Tatsache und insofern glaube ich auch, dass solch ein allumfassender Gott sich um seine Geschöpfe kümmert.

Dankbarkeit für Gesundheit

Und Martin Luther hat ja mal gesagt „Am Segen des Herrn ist alles gelegen“. Ich glaube schon, dass da ein bisschen was dran ist und ich bin jedenfalls auch dem lieben Gott dankbar, dass ich jetzt mit fast 83 Jahren noch eigentlich so gesund und munter rumspringen kann, ohne dass mir was wehtut. Meine Frau, die behauptet immer wieder, sie schreibt auf meinen Grabstein „I merk nix“, also „Ich merke nichts“ und ja, schauen wir mal, was die Zukunft

„Priorisierung der Importanz“ ist grundlegend für Erfolg

NG: Ja, das ist die Leidenschaft, die Sie antreibt. Herr Würth, wie schaffen Sie es, dass Sie die vielen Aufgaben, die Sie früher hatten und auch heute noch haben, zu priorisieren? Wo sagen Sie, „Da fange ich zuerst an“ – weil ja viele sagen, ich bin (wie man neudeutsch sagt) „overwhelmed“, so übermannt mit den ganzen Aufgaben, die auf mich zukommen? Wie haben Sie es immer geschafft, für sich eine Struktur reinzubringen?

RW: Nun gut, man muss natürlich schon überlegen, dass man Prioritäten setzt. Da gibt es dann verschiedene Stufen der Importanz. Ich meine, wenn ich zwei Einladungen habe – eine sagen wir, hier von der Würth KG beispielsweise von einem Geschäftsniederlassungsleiter, eine neue Niederlassung mit einzuweihen und auf der anderen Seite findet irgendwo ein Kongress mit 2.000 Mitarbeitern statt – dann gehe ich natürlich dorthin, wo die 2.000 sind, weil ich meine Gedanken dort besser multiplizieren kann. Ich habe also immer auch schon drauf geschaut, möglichst viele Menschen zu erreichen mit meinen Gedanken, mit meinen Aussagen. Das ist dann die Priorisierung der Importanz.

NG: Also immer zu schauen, was ist jetzt wirklich wichtiger und was ist dann im Endeffekt wie Sie vorhin gesagt haben, Wachstum ohne Gewinn ist tödlich. Also was ist auch gewinnbringend und mit den Aufgaben anzufangen.

RW: So ist es.

NG: Haben Sie denn ein Lieblingswort?

RW: (Lacht) Habe ich nicht.

Kombination aus Kopf- und Baugefühl ist entscheidend

NG: Ich habe gedacht, weil Ihr Schiff ja „Vibrant Curiosity“ heißt, „vibrierende Neugierde“ – und ich glaube, Sie sind von Grund auf ein tief neugieriger Mensch. Sie wollen wissen, was ist hinter dem nächsten Tal, hinter dem nächsten Berg.

RW: Ja, das ist richtig.

NG: Würden Sie sich selber er als Kopf- oder als Bauchmensch einschätzen? Das heißt, sind Ihre Entscheidungen sehr rational oder sagen Sie „Nö, ich höre schon auf meinen Bauch“?

RW: Es ist eine Kombination aus Beidem. Einmalig ist mehr der Kopf, die vernünftige Ratio, aber in anderen Fällen lasse ich mich auch mal von der Bauchentscheidung bestimmen möchte ich mal sagen. Und das haben ja auch empirische Studien ergeben, oft sind die Resultate gar nicht so unterschiedlich, ob man das jetzt mathematisch mit dem Kopf alles analysiert oder ob man sich von seinem Eindruck, den man sich über Gespräche, über das Sammeln von Informationen geschaffen hat, dann das Subsumiert und am Ende daraus dann eine Entscheidung trifft, gar nicht so unterschiedlich.

Nur angewandtes Wissen ist Macht

NG: Jetzt durfte ich ja über 24 Jahre in der Würth-Gruppe mitarbeiten und habe Sie auch sehr oft auf einer Bühne erleben dürfen und habe festgestellt, nur an einem Vortrag hatten Sie kleine Kärtchen dabei. Ansonsten haben Sie immer quasi aus dem Bauch und natürlich auch aus dem Kopf heraus erzählt und das immer sehr leidenschaftlich. Haben Sie denn für sich selber eine Lieblingsgeschichte, wo Sie sagen, die zitiere ich immer wieder und die Sie gern mit uns teilen wollen?

RW: Das kommt natürlich immer auf den Teilnehmerkreis an. Aber eine Lieblingsgeschichte eigentlich nicht. Ich meine solche Kernsätze wie „Wachstum ohne Gewinn ist tödlich“ oder der dümmste Spruch, den ich kenne, ist „Wissen ist Macht“. Weil Sie können noch so viel Wissen im Kopf haben. Wenn Sie nichts damit machen, bedeutet das überhaupt keine Macht. Sie müssen eben dann die Ärmel hinter krempeln und müssen mit diesem Wissen, was sie haben, auch etwas anfangen. Nur dann wird es zur Macht.

Theodor Heuss als Lebensvorbild

NG: Jetzt haben ja heutzutage sehr viele Menschen einen Mentor, jemand der quasi nach ihnen schaut, der sie berät. Hatten Sie denn außer externen Beratern einen Mentor in Ihrem Leben?

RW: Nicht gerade Mentoren, aber Berater hatte ich natürlich schon und Vorbilder vor allem. Also ich habe immer wieder gesagt, eines meiner Lebensvorbilder ist und war Theodor Heuss. Der Bundespräsident damals, der hochintelligent war, hochprofessionell, aber auch ein Mensch, der mal einen Witz gemacht hat, der sich selbst nicht so ganz wichtig und nicht so ganz ernst genommen hat. Das lag mir sehr nahe.

Und dann auch Hans Merkel, der frühere Chef von Bosch, war mir immer ein Vorbild, so in Pflichterfüllung und auch kaufmännisch zum Erfolg. Dann habe ich natürlich auch viel gelernt von Bruno Tietz, dem Professor für Handel an der Universität Saarbrücken damals. Ihn hatte ich eingeladen, den Vorsitz in meinem neu gegründeten Beirat zu übernehmen. Er hat die Aufgabe auch dann, ich schätze 15 Jahre lang, innegehabt als Stiftungs-, also nicht als Beiratsvorsitzender. Von ihm habe ich sehr viel an kaufmännischen Wissen noch dazu gelernt.

Wissen aus verschiedenen Quellen und Kanälen

Ja, das war´s eigentlich. Dann habe ich natürlich auch viel gelesen. Habe auch mal Seminare besucht, so von Tom Peters und so. Also habe ich immer versucht, aus den verschiedensten Quellen und Kanälen zusätzliche Gedanken und Ideen aufzunehmen.

Die wichtigsten Attribute für Erfolg

NG: Vor einigen Jahren gab es mal einen internen Marken-Slogan, als das Logo und die Marke ein bisschen angepasst wurde und den finde ich heute noch einen der Besten, den ich je gehört habe.

Er lautete damals: „Wir unterstützen unsere Partner mit leidenschaftlichem Einsatz und ständig verbesserten Leistungen, damit diese sich auf ihr Geschäft konzentrieren können.“

RW: Das ist aber ein langer Logo-Satz.

NG: Ja das stimmt. Ich finde, da ist alles drin. Sie sehen die Kunden als Partner und nicht als Kunden. Zu sagen, wir sind leidenschaftlich, wir verbessern ständig unsere Leistungen und helfen im Endeffekt dem Handwerker, dass der sich auf sein Geschäft konzentriert. Und deswegen würde mich interessieren, was Ihrer persönlichen Meinung nach sind denn drei ganz wichtige Attribute, um erfolgreich zu sein?

RW: Ja nun, zunächst mal Berechenbarkeit und das Bemühen, Vertrauen zu schaffen und Vertrauen zu pflegen, Vertrauen zu vertiefen und eben eine gute Leistung zu bringen. Eine Top-Qualität zu bieten, dem Kunden und die Dienstleistung, die wir betreiben ist ja, hoffe ich, gut bekannt im Land.

NG: Und in der Welt.

RW: Und in der Welt.

Warnung vor Arroganz und Korrumpierung als Erbe

NG: Die letzte Frage Herr Würth: Was tun Sie jetzt aus Ihrer Position noch, Sie haben vorhin gesagt, um dieses Schiff weiter nach vorne zu bringen, um es sicher zu machen für die Mitarbeiter, für die Kunden. Was sind Ihre persönlichen Dinge, die Sie jetzt noch reingeben, wo Sie sagen, damit sind wir wirklich für die nächsten 15 Jahre aufgestellt?

RW: Die wichtigste Aufgabe, die ich eigentlich heute sehe ist, die Arroganz vom Unternehmen fernzuhalten. Immer wieder zu warnen, dass sich der Betrieb die Menschen, das Unternehmen von der Macht des Erfolgs korrumpieren lässt. Also das ich mir ein ganz großes Anliegen, dass das Unternehmen bescheiden bleibt, dass das Unternehmen als freundlich wahrgenommen wird, als hilfsbereit. Eben als Dienstleister im wahren Sinn des Wortes – zu dienen und leisten.

„Dankbarkeit“ als wichtige Vokabel

Ich hoffe, dass ist ganz gut gelungen bis jetzt und ich glaube auch, dass das einer der Gründe war für unseren Erfolg in all diesen über 70 Jahren, die das Unternehmen jetzt hinter sich hat. Dankbarkeit war eine meiner wichtigen Vokabeln, mit denen ich sehr viel unterwegs bin und unterwegs war. Die Menschen vergessen das nicht und wenn eben gut gearbeitet wird, dann ist Dankbarkeit, Lob, Anerkennung unglaublich wichtig.

Ich habe vorhin schon gesagt, ich war vorhin noch bei den Mitarbeitern vom Vertriebskanal 1. Das sind die Telefonverkäufer, die also die kleineren Kunden am Telefon bedienen. Die haben einen neuen Umsatzrekord gemacht im November und dann war der Herr Heckmann, der Geschäftsführer von der Würth KG dort, der direkte Vorgesetzte, der Herr Brandner. Die haben geredet und dann habe auch ich meinen Dank, meinen Respekt, meine Hochachtung zum Ausdruck gebracht, dass die da im November mit 20 Prozent gewachsen sind, einen neuen Umsatzrekord aufgestellt haben.

Das sieht man den Menschen an, die sitzen da und freuen sich und machen den Smiley, weil jetzt der oberste Mensch vom Konzern morgens um acht Uhr dasteht, um Dank zu sagen. Mit diesem Stil ist das Unternehmen groß geworden und ich hoffe, dass der Stil auch über meine Zeit hinaus beibehalten wird. Dann kann es dem Unternehmen gar nicht schlecht gehen.

NG: Wunderbar. Herr Würth, vielen lieben Dank für Ihre Zeit, für die weisen Worte und ich wünsche Ihnen natürlich auch persönlich alles Gute für die Zukunft und hoffe, dass irgendwann die Zeit kommt, wo weniger Postkoffer kommen und Sie auch wirklich Ruhe finden und sagen, jetzt genieße ich auch mein Leben. Dankeschön.

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2018-08-09T12:22:31+00:0025.07.2018|