„Ich fühl mich sowas von gewertschätzt von diesem Verdienstorden, wie ich es in meiner Musikerkarriere selten erlebt habe“, sagt Hartmut Engler, Sänger der Band PUR, am vergangenen Donnerstag bei der Verleihung des Bundesverdienstordens in Bietigheim-Bissingen. Hartmut hat Tränen in den Augen und setzt sich kurz die Brille ab, um sich mit einem Taschentuch über die Augen zu wischen. Ich sitze in Reihe 5 neben Rüdi, über den Hartmut Engler vor vielen Jahren einen wunderschönen Song geschrieben hat.
„Er lebt in einer andern Welt. Es ist schwer, ihn zu verstehn. Und daß er nicht wie andere ist, das ist ihm wohl auch anzusehen. Schreiben und lesen ist ihm fremd. Vieles vergisst er, manches nicht z.B. Herzlichkeit die nie, oh nein, die trägt er stets in sich.“ Das sind die ersten Zeilen aus Rüdis Lied, bei dem er während der PUR Konzerte immer gemeinsam mit Hartmut auf der Bühne „rocken“ darf. Was Hartmut vor vielen Jahren beschrieben hat, ist ein damals junger Mann mit Down-Syndrom, der vergangenen Mittwoch 61 Jahre jung wurde. Ich kenne Rüdi seit Sommer 2001 und darf ihn mit seinem großartigen Betreuer Hanspeter bei vielen PUR Konzerten unterstützen. Sicher zur Halle bringen, rauf auf die Bühne und auch wieder sicher zurück, bevor es dann zum obligatorischen Sekt mit Hartmut nach dem Konzert geht. Daher weiss ich, wie treffend jedes einzelne Wort von Hartmuts Text über Rüdi ist. Er hat es geschafft, einen Menschen in einer Art und Weise zu beschreiben, wie es nur wenige können. Jedoch sind diese einzigartigen Worte über Rüdi nicht der Anlass für die Auszeichnung mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland. Vielmehr ist es Hartmuts Einsatz bei diversen gemeinnützigen Organisationen, die das Leben vieler Menschen besser machen.
„Was erzählst du mir das alles Norman?“ magst du vielleicht gerade denken. Weißt du, was mir am Donnerstag dort in Reihe 5 sitzen klar geworden ist? Ich erlebe gerade wieder ein perfektes Beispiel für Karma. Sprich, was du gibst, kommt zu dir zurück. Nicht durch die gleichen Menschen oder Zu- und Umstände, die du gerne hättest. Sondern oftmals anders. Denn für die wundervollen Songs wird Hartmut mitsamt seiner einzigartig tollen Band bei jedem Konzert belohnt. Szenenapplaus, Zugabe Rufe und Laola Wellen durch die Stadien und Arenen des Landes. Wenn Hartmut nun von den Fans so viel Freude und Anerkennung bekommt, warum hat ihn diese Auszeichnung so bewegt? Weil sie die über viele Jahre ausgesendete Energie in eben diesen anderen Bereichen zurückspiegelt. Die Taten, die keiner gesehen hat. Die Unterstützungen, die nicht in der Presse zu sehen waren.
Ich für meinen Teil weiss, dass Rüdi Hartmut wirklich am Herzen liegt. Er hätte den jungen Rüdi damals einfach als Textinspiration nehmen können und fertig. Nur die Freundschaft der Beiden hält sich seit 1991, wo der Song veröffentlicht wurde. Rüdi war früher zum Reiten bei Hartmut oder hat sich neben dem PUR Sänger im Cabrio die Sommerluft um die Nase wehen lassen. Heute gibt es weder den „PUR Gaul“ noch das Cabrio mehr. Dafür jedoch gegenseitige Besuche. Ob Hartmut rund um Weihnachten bei Rüdi vorbeikommt oder wir alle bei Hartmut zum Frühstück sein dürfen, es gibt immer wieder Anlässe fern ab der Tournee, wo die Beiden sich sehen. Manchmal Video WhatsAppen wir, wenn ich Rüdi besuche oder schicke ihm Fotos vom Pizza essen mit Rockstar Rüdi.
Heute hier in Bietigheim-Bissingen ist auch so ein gemeinsamer Tag. Da sitze ich nun in Freude und Dankbarkeit, habe Rüdi neben mir, der am liebsten direkt nach vorne laufen würde, um Hartmut zu drücken. Oder vielleicht auch, um sich das Mikrofon zu nehmen, in dem Wunsch, dass sie gemeinsam sein Lied singen. Nur das ist heute nicht der Grund, warum wir Hartmut sehen dürfen. Rüdi hält meine Hand fest umschlungen und bekommt von dem ganzen Trubel mit Auszeichnung und Co. wenig mit. Denn er lebt in seiner eigenen Welt, die für uns alle schwer zu verstehen ist. Und ja, er ist nicht wie andere. Das sehen wir ihm auch an. Lächelnd wippt er vor und zurück, auch ganz ohne Musik. Und weißt du was, diese Momente mit Rüdi gehören auch für mich zu den Schönsten, die es gibt. Denn sie sind immer ehrlich. Rüdi zu unterstützen, dass er seinen Wunsch leben kann, ist ein riesen Geschenk.
Und so fahren wir am Ende des Abends andächtig zurück nach Hause. Rüdi beugt sich dabei immer wieder vom Rücksitz zu uns nach vorne. „I hab den Hartmut gsehn.“ Ich lächle in den Rückspiegel und gebe ihm einen Daumen hoch. Rüdi antwortet mit zwei Daumen und lehnt sich zurück. „Mir gehn mol widder.“ Ich nicke und flüstere leise in mich hinein: „Ja Rockstar, wir gehen mal wieder zu Hartmut.“
Rüdi, um es in deinen Worten zu sagen, die du mir immer mal wieder sagst: „Ich mag dich.“ Schön, dass es dich in meinem Leben gibt.
Und Hartmut, herzlichen Glückwunsch zu dieser mehr als verdienten Auszeichnung. Du hast das Herz an der richtigen Stelle.
P.S. Kaum zurück zuhause erhalte ich eine WhatsApp meines Freundes Georg, der liebe Grüße aus Istanbul schickt und mir einen Screenshot aus der Bildzeitung anheftet. Rockstar Rüdi hat es mit zwei Fotos wieder mal in die Zeitung geschafft. Ohne, dass er das jemals wollte. Wo andere alles dafür geben würden, in der Zeitung zu landen, fliegen solche Dinge Rüdi einfach zu. Und weißt du was? Rüdi ist das egal. Er liest keine Zeitung. Er braucht das nicht für sein Ego. Aber was ich weiss… über das Zeitungsfoto mit Hartmut wird er sich freuen. Daher drucke ich ihm das einfach mal für unser nächstes Treffen aus. Und schon wieder sind wir beim Prinzip von Karma. Rüdi tut, was er liebt, und macht damit neben sich selbst, viele andere glücklich. Daher kommen auch immer wieder Dinge auf ihn zu, die wir als Geschenk bezeichnen könnten. Und auch wenn er den Zeitungsartikel nicht als Geschenk sehen wird; über das Foto aus dem Artikel wird er sich freuen. Mission Karma hat mal wieder funktioniert. Denn nur durch den Artikel, gibt es das Bild.
