„Wenn wir Menschen nur so behandeln, wie sie sind, machen wir sie schlechter. Behandeln wir sie jedoch so, als wären sie bereits das, was sie sein könnten, dann helfen wir ihnen dabei, genau das zu werden.“ Johann Wolfgang von Goethe

Ich liebe dieses Zitat. Denn wenn ich auf mein Leben zurückblicke, dann gab es immer wieder Menschen, die etwas in mir gesehen haben, lange bevor ich es selbst erkennen konnte. Sie haben an mich geglaubt, lange, bevor ich das selbst geschafft habe. Und manchmal braucht es genau diesen einen Menschen, der dir seinen Glauben leiht, bis du deinen eigenen gefunden hast. Seit einigen Tagen beschäftigt mich vielleicht genau deshalb eine einzige Frage: Was hinterlassen wir am Ende des Tages denn wirklich?

Vor etwa eineinhalb Jahren durfte ich gemeinsam mit meinem Redner-Mentor Les Brown in Orlando auf der Bühne stehen. Der Anlass war unser gemeinsames Buch „The Power of Perseverance“ (Die Kraft der Ausdauer). Als ich Les Brown 2014 beim National Achievers Congress in Stuttgart zum ersten Mal live erlebt habe, war ich wie hypnotisiert. Ich saß im Publikum und dachte nur: „Eines Tages möchte ich mit diesem Mann gemeinsam auf einer Bühne stehen.“ Dass daraus elf Jahre später nicht nur eine gemeinsame Bühne, sondern sogar ein gemeinsames Buch entstehen würde, hätte ich damals niemals für möglich gehalten. Manchmal schreibt das Leben eben Geschichten, die größer sind als unsere eigenen Vorstellungen.

Wie komme ich denn jetzt auf Les Brown? Ach so. Vor einigen Tagen sehe ich einen Beitrag von Les auf Facebook. Darin schreibt er über seinen erfolgreichsten Schüler, Dr. Myles Munroe. „Success without successors is failure.“ (Erfolg ohne Menschen, die das Gute weitertragen, das du in ihnen geweckt hast, ist am Ende kein wirklicher Erfolg). Ich nickte. Dann lese ich den nächsten Satz.

„Success isn't measured by what you leave for your children. It's measured by what you leave in them.“ (Erfolg wird nicht daran gemessen, was du deinen Kindern hinterlässt. Sondern was du in ihnen hinterlässt). Ich legte mein Handy weg, bevor mich eine Frage trifft, wie der Blitz.

„Wenn das also Erfolg ist... bin ich dann erfolgreich?“

Um eine Antwort zu finden, öffne ich meinen E-Mail-Ordner mit dem Titel „Rückmeldungen“. Darin liegen Nachrichten, die mich seit vielen Jahren begleiten. Die erste beginnt mit den Worten: „Ihr beide habt mein Leben komplett verändert.“ Ein Mann schrieb mir nach einer gemeinsamen Kreuzfahrt. Seine Ehe stand kurz vor dem Ende. Er beschrieb sich selbst als emotional leer. Den Zugang zu seinen Gefühlen hatte er verloren. Dann kommt: „Dank dir habe ich den Zugang zu meinen Gefühlen wiedergefunden. Mir ist klar geworden, dass ich meine Frau liebe und alles dafür tun möchte, wieder gemeinsam glücklich zu werden.“

Ich sitze da und lächelte in mich hinein. Nicht, weil ich stolz auf mich bin. Sondern weil mir plötzlich etwas bewusst wird. Vielleicht hinterlassen wir alle jeden einzelnen Tag etwas in anderen Menschen. Ob bewusst oder unbewusst. Die Frage ist nur, was hinterlassen wir?

Ich öffne die nächste E-Mail. Sabrina schrieb nach einer Reise: „Die positive Energie aus den ersten drei Wochen begleitet mich bis heute. Ich gehe heute viel achtsamer durchs Leben. Und ich habe verstanden, dass manchmal die kleinen Dinge die größten Veränderungen bewirken.“

Dann kommt Stephanie´s Mail und zwar vier Jahre nach meinem Unterricht an der DHBW. „Sie waren neben Dr. Schwarz der Dozent, der mich nachhaltig geprägt hat.“ Vier Jahre. Nicht vier Tage. Vier Jahre später. Weißt du was? Kann es sein, dass wir oft gar nicht wissen, welche Spuren wir im Leben anderer Menschen hinterlassen?

Interessanterweise besagen psychologische Studien folgendes: Menschen erleben ihr Leben besonders dann als sinnvoll, wenn sie spüren, dass sie für andere einen Unterschied machen.

Und weißt du, was das Schönste daran ist? Es braucht dafür keine riesigen Gesten. Oft reicht ein ehrliches Gespräch. Vielleicht ein offenes Ohr. Oder ein aufrichtiges Kompliment. Manchmal eben auch einen Menschen, der in dir etwas erkennt, das du selbst gerade noch nicht sehen kannst.

Vielleicht beginnt genau dort unsere eigentliche Aufgabe als Mensch. Nicht andere verändern zu wollen. Sondern ihnen dabei zu helfen, sich selbst wiederzuentdecken. Deshalb möchte ich dir heute nur eine einzige Frage mitgeben. Was möchtest du in den Menschen hinterlassen, die dir begegnen?

Mehr Mut?

Mehr Vertrauen?

Mehr Hoffnung?

Mehr Lebensfreude?

Mehr Dankbarkeit?

Mehr Liebe?

Mehr Respekt?

Vielleicht verändert genau das unsere Welt. Nicht auf einen Schlag. Sondern einen Menschen nach dem anderen. Ein Gespräch nach dem anderen. Ein Lächeln nach dem anderen. Könnte es sein, dass Goethe genau das mit seinem Ausspruch meinte? Menschen nicht nur so zu sehen, wie sie heute sind. Sondern so, wie sie einmal sein könnten. Das Potenzial in jemandem zu sehen, lange, bevor er selbst es erkennt und erlebt.  Denn manchmal reicht genau dieser eine Blick, das liebe Wort oder auch ein Daumen hoch, damit jemand beginnt, selbst daran zu glauben, dass es irgendwann einmal möglich sein wird.

Vielleicht besteht unser größtes Vermächtnis gar nicht in Häusern. Nicht in Geld. Nicht in Titeln. Nicht in Bronze Statuen auf dem Marktplatz. Oder Straßen mit deinem Namen.  Sondern in Menschen. In Menschen, die mutiger geworden sind, weil wir an sie geglaubt haben. In Menschen, die wieder gelächelt haben, weil wir ihnen Hoffnung geschenkt haben.

In Menschen, die sich wieder daran erinnern konnten, wer sie längst sind.

Und vielleicht sagt eines Tages jemand über dich: „Weil es dich in meinem Leben gab, bin ich ein Stück mehr der Mensch geworden, der ich immer sein wollte.“

Ich glaube... mehr Erfolg braucht es gar nicht.