Vor Kurzem war ich auf dem Weg, meine beiden Jungs von der Schule abzuholen. Ich steige ins Auto, fahre los und bin mit meinen Gedanken ehrlich gesagt irgendwo ganz anders. Nach ein paar Hundert Metern denke ich: „Moment mal. Warum fahre ich denn gerade nach Künzelsau? Ich wollte doch zur Schule. Bravo, Herr Gräter. Toll gemacht.“
Denn auf dieser Straße kann ich nicht einfach wenden. Also fahre ich erst einmal weiter Richtung Künzelsau, drehe dort um und fahre den Berg wieder hoch. Mein perfektes Timing hat sich gerade in Luft aufgelöst. „Das gibt's doch nicht. Ich wusste doch ganz genau, wo ich hinwollte. Warum fahre ich dann in eine andere Richtung?“
Die Antwort liegt auf der Hand. Weil ich diese Strecke schon Tausende Male gefahren bin. Mein Körper wusste offenbar schon, wo es langgeht, während mein Kopf mit ganz anderen Dingen beschäftigt war. Es gab nur die Mission „Kinder holen“. Und das bedeutet normalerweise: Künzelsau. Nur war es an diesem Tag leider das falsche Ziel. Und während ich mich über meinen kleinen Umweg ärgerte, kam mir ein Gedanke: Wie oft fahren wir eigentlich in unserem Leben in die falsche Richtung, nur weil wir diesen Weg schon immer gefahren sind?
Du kennst sicher auch Menschen, die bei ihrer täglichen Arbeit alles geben. Zwölf bis vierzehn Stunden am Tag, abends und am Wochenende erreichbar. Im Urlaub sowieso. Und was ist oft die Aussage dieser Workaholics? „Ich mache das alles für meine Familie.“ Damit meine ich ausdrücklich nicht diejenigen, die aus finanzieller Notwendigkeit mehrere Jobs machen müssen oder einfach große Freude an ihrer Arbeit haben. Mir geht es um die Menschen, die ihre ständige Abwesenheit damit begründen, dass sie das alles für ihre Liebsten tun.
Nur was wäre, wenn du Schatzi und die Kinder einmal fragen würdest, was sie sich eigentlich von dir wünschen?
„Ich würde mich freuen, wenn du mal zu meinem Fußballspiel kommst.“
„Es wäre schön, dich im Urlaub mal ohne dein Handy zu erleben.“
„Eine Date Night nur für uns beide wäre toll.“
„Ich würde mich freuen, wenn wir mal einen ganz normalen Abend zusammen verbringen könnten und du nicht erst nach Hause kommst, wenn ich schon schlafe.“
Und was, wenn du irgendwann erkennst, dass du all die Jahre versucht hast, deiner Familie etwas zu geben, das sie sich in dieser Form nie gewünscht hat? Natürlich wünschen sich viele Menschen ein gutes Leben und einen gewissen Wohlstand. Nur der Plan war doch, ein gemeinsames Leben zu führen. Und nicht der Autositter von acht Fahrzeugen zu sein, die man sich jetzt leisten kann.
Ich habe mich gefragt, woher eigentlich diese Vorstellung kommt, dass wir immer mehr leisten müssen, um unserer Familie etwas Gutes zu tun. Meiner Meinung nach liegt vieles daran, dass wir bestimmte Überzeugungen von Generation zu Generation übernommen haben. Nach dem Krieg herrschten grauenhafte Bedingungen. So viele Menschen hatten alles verloren. Ein sicheres Einkommen, ein eigenes Haus und materieller Wohlstand waren damals für viele Familien große Errungenschaften und ein sinnvolles Ziel. Wer hart arbeitete, konnte etwas aufbauen und seiner Familie Sicherheit geben.
Und diese Überzeugung wurde weitergegeben. Von den Großeltern an die Eltern und von den Eltern an ihre Kinder. „Du musst hart arbeiten.“ „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.“ „Von nichts kommt nichts.“ Das war für viele Menschen damals wichtig und richtig. Nur bedeutet das automatisch, dass es auch heute noch der richtige Weg für dich und deine Familie ist?
Denn was bringt dir das neunte Auto vor der Garage, wenn niemand da ist, mit dem du gerne eine Runde drehen würdest? Was bringt dir das dritte Haus, wenn die Menschen, für die du es gekauft hast, sich eigentlich nur mehr gemeinsame Zeit mit dir in einem für sie „echten Zuhause“ wünschen? Dein Ziel war doch vermutlich nie, eine Beziehung mit deinen Autos, Häusern oder Sparkonten zu führen.
Und trotzdem verhalten wir uns manchmal wie Maschinen. Einmal ein Programm eingegeben, wird es abgearbeitet. Jahr für Jahr. Immer schneller. Immer mehr. Und wenn wir zwischendurch merken, dass irgendetwas nicht stimmt, meldet sich unser Quatscher im Kopf: „Du musst hart arbeiten. Das gehört sich so. Du machst das schließlich alles für deine Familie. Nur noch diese eine Gehaltserhöhung, dann mache ich ruhiger. Nur noch das nächste Auto, dann habe ich genug.“
Glaubst du das wirklich? Dass du nur noch um eine Ecke gehen, nur noch dieses eine Ziel erreichen musst und dann für immer glücklich bist? Wie gut hat das bisher geklappt? Gar nicht, richtig? Denn hinter der nächsten Ecke wartet schon wieder eine neue Ecke. Und die ruft: „Komm, nur noch eine Ecke. Nur noch ein kleines Stück weiter, dann hast du es geschafft!“ Währenddessen schwingt dein innerer Antreiber im Kopf weiter die Peitsche und treibt dich als „faulen Hund“ immer weiter an.
Vielleicht steckt hinter deinem Antrieb auch gar nicht das, was du denkst. Manchmal geht es um etwas ganz anderes. Zum Beispiel um den Wunsch nach Anerkennung. Oder nach Sicherheit. Danach, endlich gut genug zu sein oder von jemandem gesehen und geliebt zu werden. „Wenn ich nur noch das eine schaffe, dann werde ich endlich gesehen, gehört, respektiert oder geliebt.“
Und genau deshalb lade ich dich heute dazu ein, noch einmal hinzuschauen. Setz die blaue Brille auf und schau einfach noch mal hin. Nicht, um deine bisherigen Entscheidungen schlechtzureden. Sondern um herauszufinden, ob du wirklich noch deinem eigenen Ziel folgst oder einer Überzeugung, die du irgendwann einmal übernommen hast.
Look Again. Schau noch einmal hin.
Oftmals brauchst du keinen besseren Plan. Du musst auch nicht noch produktiver werden, noch mehr arbeiten oder noch schneller ans Ziel kommen. Vielleicht brauchst du erst einmal Klarheit darüber, was du wirklich erreichen möchtest und für wen du das alles tust.
Für mich ist innere Klarheit der neue Erfolgsfaktor. Denn was bringt dir die beste Strategie, wenn sie dich immer schneller an einen Ort führt, an den du eigentlich gar nicht möchtest? Nämlich dazu, dass du in unserem Beispiel am Ende allein mit deinen zwölf Autos und fünf Häusern dasitzt. Denn deiner Familie war es vielleicht viel wichtiger, jemanden zu haben, der emotional und körperlich verfügbar ist. Und natürlich besonders, dass er überhaupt da ist.
Deshalb habe ich diese Woche eine kleine Einladung an dich: Wenn du das nächste Mal sagst „Ich mache das alles für meine Familie“, dann frag sie doch einfach einmal, was sie sich wirklich von dir wünscht. Und wenn du es nicht weißt, frag doch mal nach: „Kinder, woran würdet ihr merken, dass ich aus eurer Sicht ein guter Vater bin?“
Und wer weiß, vielleicht überrascht dich die Antwort. Denn aus eigener Erfahrung weiß ich, dass die Wünsche, die dann kommen, oft viel einfacher zu erfüllen sind, als wir uns das vorher ausgemalt haben. Und vielleicht stellst du dabei fest, dass du schon seit Jahren auf deiner ganz eigenen „Straße nach Künzelsau“ unterwegs bist, obwohl du eigentlich ganz woanders hinwolltest. Das Schöne ist: Du darfst jederzeit wenden. Auch wenn die nächste Gelegenheit erst ein paar Kilometer weiter kommt.
