Jedes Unternehmen arbeitet an seiner KI-Strategie. Wo ist eigentlich die Menschlichkeitsstrategie?

Bei meinen Vorträgen in Unternehmen stelle ich Führungskräften in letzter Zeit gerne eine Frage: „Was würden Sie tun, wenn Ihnen KI ab morgen jeden Tag eine Stunde schenken würde?“

Dann sage ich erst einmal nichts. Und im Raum passiert – nichts. Ein paar fragende Blicke. Hochgezogene Augenbrauen. Dann beginnen die ersten nachzudenken. Jemand legt den Stift aus der Hand. Eine Frau lehnt sich zurück und schließt für einen Moment die Augen. Zwei Reihen weiter schaut ein Mann an die Decke, als könnte die Antwort irgendwo dort oben stehen.

Ich warte. Die Stille bleibt. Aber sie fühlt sich inzwischen anders an. Die ersten lächeln. Andere beginnen zu schreiben. Und irgendwann hebt einer der Führungskräfte die Hand.

„Herr Gräter, muss ich die Frage jetzt beantworten? Oder kann ich darüber auch später zu Hause nachdenken?“

Ich muss lachen. „Sie können. Aber ich würde Sie gerne zu etwas anderem einladen: Lassen Sie uns die Stunde nicht schon wieder verschieben, bevor wir sie überhaupt bekommen haben.“

Kann es sein, Sie machen beim Lesen gerade dasselbe? Vielleicht sind Ihre Augen eben schon ein paar Zeilen weitergesprungen, weil Sie wissen wollten, was meine Antwort ist.

Noch nicht.

Nehmen Sie sich zehn Sekunden. Wenn Ihnen ab morgen jeden Tag eine Stunde geschenkt würde:

Was würden Sie mit ihr machen?

 

 

Haben Sie etwas?

Gut. Denn plötzlich geht es gar nicht mehr darum, was KI alles kann. Sondern darum, was wir Menschen mit dem machen, was sie uns abnimmt.

Darf ich Ihnen eine Idee für Ihre Stunde geben?

Verbringen Sie sie mit einem Menschen. Und mit „verbringen“ meine ich tatsächlich: verbringen. Nicht gleichzeitig E-Mails beantworten oder kurz schauen, wer geschrieben hat. Einfach mit diesem Menschen sein.

Mit Ihrem Partner vielleicht. Mit einem Freund, den Sie schon viel zu lange nicht gesehen haben. Oder mit einem Menschen aus Ihrem Unternehmen, bei dem Sie eigentlich gar nicht so genau wissen, wie es ihm gerade wirklich geht.

Und dann machen Sie etwas, das inzwischen erstaunlich schwierig geworden ist: Lassen Sie Ihr Handy weg. Nicht auf lautlos. Nicht mit dem Display nach unten. Weg.

Schaffen wir eigentlich noch 90 Sekunden?

Vor einiger Zeit saß ich mit einem lieben Freund zusammen. Wir unterhielten uns bestens und irgendwann musste er zur Toilette. Er nahm sein Handy und ging. Und plötzlich war ich allein. Vielleicht für 90 Sekunden.

Meine Hand wollte fast automatisch zum Handy. Kennen Sie das? Der andere steht auf. Und zack. Das Ding ist in der Hand.

Dabei erwartete ich keine wichtige Nachricht. Es gab nichts, was unbedingt erledigt werden musste. Da war einfach eine kleine Lücke entstanden. Und ich wollte sie füllen.

Deshalb habe ich irgendwann angefangen, mein Handy bei Gesprächen gar nicht mehr auf den Tisch zu legen. Denn auch das umgedrehte Handy ist noch da. Es liegt zwischen uns.

Vielleicht liegt die eigentliche Herausforderung also gar nicht darin, was wir mit einer zusätzlichen Stunde anfangen würden. Vielleicht fangen wir erst einmal mit 90 Sekunden an.

Einfach aus dem Fenster schauen. Über das Gespräch nachdenken. Oder dasitzen und feststellen:

Hier fehlt gerade nichts.

Michelle Obama hat mir etwas gezeigt

Vor einigen Jahren durfte ich Michelle Obama begegnen. Wenn ich heute daran zurückdenke, ist es erstaunlicherweise nicht ihr Name oder ihre damalige Position, an die ich zuerst denke.

Es ist ein Gefühl.

Diese Frau war da. Wirklich da.

Während unseres Gesprächs hatte ich das Gefühl, dass es in diesem Raum gerade nur uns beide gab. Sie gab mir ihre volle Aufmerksamkeit und vermittelte mir für diesen Moment:

Du bist gerade wichtig.

Das habe ich bis heute nicht vergessen.

Aufmerksamkeit ist kein kompliziertes Führungsinstrument. Sie kostet kein Geld. Und vielleicht wird sie gerade deshalb in einer Welt, in der alles um unsere Aufmerksamkeit kämpft, immer wertvoller.

Genau deshalb freue ich mich auf KI

Ich habe keine Angst davor, dass KI uns Arbeit abnimmt. Ich hoffe sogar, dass sie es tut. Warum sollte ein Mensch eine Stunde mit etwas verbringen, das eine Maschine in wenigen Minuten genauso gut oder besser erledigen kann?

Mich interessiert, was danach passiert.

Denn natürlich können wir jede gewonnene Minute sofort wieder mit Arbeit füllen. Aus einer Stunde Effizienzgewinn werden fünf weitere Termine und der Kalender bleibt genauso voll wie vorher. Nur effizienter.

Ich weiß nicht, ob das die Zukunft ist, auf die ich mich freue. Mich interessiert eine andere.

Was wäre, wenn Technologie uns wieder mehr Zeit für Menschen gibt?

Stellen Sie sich eine Führungskraft vor, die tatsächlich jeden Tag eine Stunde gewinnt. Sie könnte daraus den nächsten Termin machen. Oder sie geht zehn Meter über den Flur, setzt sich zu einem Menschen und fragt:

„Wie geht es dir eigentlich?“

Und dann bleibt sie sitzen, bis die Antwort kommt.

Nicht als Führungstechnik. Sondern weil sie es wirklich wissen möchte.

Wo ist unsere Menschlichkeitsstrategie?

Unternehmen investieren gerade enorme Summen in Künstliche Intelligenz. Das ist nachvollziehbar. KI wird unsere Arbeitswelt verändern.

Nur würde ich in einem dieser Meetings gerne noch eine zweite Frage auf die Leinwand schreiben:

Was soll in unserem Unternehmen menschlicher werden, während unsere Technologie intelligenter wird?

Vielleicht brauchen wir dafür nicht sofort den nächsten Prozess. Vielleicht schauen wir erst einmal hin, was montagmorgens um 9:17 Uhr passiert, wenn es stressig wird.

Gelten unsere Unternehmenswerte dann immer noch? Kann jemand dem Chef widersprechen? Wie begegnen wir einem Menschen, der gerade einen Fehler gemacht hat?

Da zeigt sich Kultur.

Nicht auf der Folie. Sondern zwischen Menschen.

Erinnern Sie sich noch an Ihre Stunde?

Ich möchte Ihnen nicht sagen, was Sie damit machen sollen. Aber nehmen Sie morgen einmal 90 Sekunden davon.

Beim nächsten Gespräch liegt Ihr Handy nicht auf dem Tisch. Es liegt am besten in einem anderen Raum. Und wenn der Mensch vor Ihnen spricht, sind Sie da.

Wenn er kurz zur Toilette geht, lassen Sie das Handy liegen. Schauen Sie aus dem Fenster. An die Decke. Von mir aus versuchen Sie, mit Ihrem Laserblick einen Punkt hineinzubrennen.

Und wenn der Mensch zurückkommt, schenken Sie ihm etwas, das Michelle Obama mir vor vielen Jahren geschenkt hat:

das Gefühl, in diesem Moment wichtig zu sein.

Vielleicht verändert das nicht sofort Ihre Unternehmenskultur. Aber einen Menschen wird es ganz sicher verändern.

Sie selbst.

Und dann entscheiden Sie, was Sie mit dem Rest Ihrer Stunde machen.

Denn vielleicht liegt die größte Chance von Künstlicher Intelligenz gar nicht darin, dass Maschinen immer menschlicher werden.

Sondern darin, dass wir Menschen wieder mehr Zeit dafür bekommen, menschlich zu sein.


Dieser Gedanke ist Teil meiner Keynotes für Unternehmen und Führungskräfte. Wenn Sie Menschlichkeit, Selbstführung und Leadership in Ihrem Unternehmen neu betrachten möchten, freue ich mich auf ein persönliches Gespräch.

[KEYNOTE ANFRAGEN]