Eine harmlose Frage. Eigentlich. Vor ein paar Tagen habe ich hier über einen Mitarbeiter geschrieben, der seit Wochen für einen kranken Kollegen einspringt. Der immer wieder Ja sagt, obwohl sein eigener Schreibtisch längst voll ist. Und irgendwann denkt: „Ich bin doch motiviert. Ich kann einfach nicht noch mehr.“ Heute möchte ich einmal auf den Menschen schauen, der ihm diese zusätzliche Aufgabe gegeben hat. Seine Führungskraft.

Stellen wir uns vor, sie kommt morgens ins Büro. Noch bevor der Rechner hochgefahren ist, steht der erste Kollege in der Tür. „Du, wir haben ein Problem mit dem Kunden.“ Kaum ist das geklärt, meldet sich die Geschäftsführung. Ein wichtiger Auftrag wurde verschoben. Die Zahlen müssen überprüft werden. Und bitte bis heute Nachmittag eine Einschätzung, wie das Team die nächsten Wochen aufgestellt ist. Dann ruft ein Kunde an, weil er seit gestern auf eine Rückmeldung wartet.

Und zwischendurch kommt die Nachricht, dass der kranke Kollege auch nächste Woche noch nicht zurück sein wird. Na wunderbar. Fehlt eigentlich nur noch, dass der Drucker streikt. Ach, tut er schon. Also schaut die Führungskraft auf die Aufgaben, die erledigt werden müssen. Und auf die Menschen, die noch da sind. Da ist dieser eine Mitarbeiter. Zuverlässig. Engagiert. Einer, der mitdenkt und nicht bei jeder Kleinigkeit fragt, ob das überhaupt zu seinem Aufgabenbereich gehört.

Auf den kann man sich verlassen. Also geht sie zu ihm und fragt: „Könntest du das vielleicht auch noch schnell übernehmen?“ Und er sagt: „Ja, klar.“ Die Führungskraft ist erleichtert. Ein Problem weniger. Der Mitarbeiter dagegen sitzt da und fragt sich, wie er das jetzt auch noch schaffen soll. Zwei Menschen. Dasselbe Gespräch. Zwei völlig unterschiedliche Gefühle. Und ich glaube, genau solche Momente entscheiden gerade darüber, wie sich das Miteinander in Unternehmen entwickelt.

Denn auch die Führungskraft steht unter Druck. Von oben kommen Erwartungen. Von außen kommen Kundenwünsche. Und aus dem eigenen Team kommen Fragen, Sorgen und manchmal auch Frust. Sie soll Leistung ermöglichen, Menschen motivieren, Konflikte lösen, Veränderungen erklären und dabei bitte selbst immer schön gelassen bleiben. Als hätte man ihr mit der Beförderung gleich noch einen eingebauten Ruhepuls von 60 geschenkt. Was mich daran beschäftigt:

Vielleicht ist es gerade der zuverlässigste Mitarbeiter, bei dem eine Führungskraft am seltensten nachfragt, wie es ihm wirklich geht. Nicht aus Gleichgültigkeit. Sondern weil er ja immer sagt: „Passt schon.“ Und weil es so viele andere Dinge gibt, die offensichtlich gerade nicht passen. Aber ein „Passt schon“ bedeutet nicht automatisch, dass noch Kapazität da ist. Vielleicht wäre deshalb manchmal eine andere Frage hilfreicher als „Kannst du das noch übernehmen?“

Zum Beispiel: „Wenn du das jetzt übernimmst, was lassen wir dafür liegen?“ Das klingt nach einer Kleinigkeit. Aber plötzlich geht es nicht mehr darum, ob ein engagierter Mensch noch mehr leisten kann. Sondern darum, gemeinsam zu entscheiden, was wirklich wichtig ist. Natürlich löst auch diese Frage keinen Personalmangel. Sie zaubert keine zusätzlichen Stunden in den Tag und nimmt der Führungskraft nicht den Druck. Aber sie verändert etwas im Gespräch.

Aus einer zusätzlichen Erwartung wird eine gemeinsame Entscheidung. Und aus einem Mitarbeiter, der immer nur Ja sagt, wird wieder ein Mensch, dessen Grenzen und Einschätzung zählen. Vielleicht braucht gute Führung gerade jetzt nicht auf jede Frage sofort eine Antwort. Aber sie braucht den Mut, auch unter Druck die richtigen Fragen zu stellen.

LOOK AGAIN. Schau noch einmal hin.