Während ich mit meinem Freund Massimo seit langer Zeit mal wieder Schnitzel essen bin, fällt mir im Augenwinkel das Paar am Tisch rechts neben uns auf. Zwei junge Menschen, vielleicht Mitte 20. Sie kommen ein paar Minuten nach uns, bestellten ihr Essen und sagen seitdem kaum ein Wort. „Entweder hören die beiden uns fasziniert zu oder sie haben sich einfach nichts zu sagen“, denke ich irgendwann. Den jungen Mann kann ich nicht richtig sehen, ohne meinen Kopf komplett zur Seite zu drehen. Die junge Dame dagegen sehe ich. Immer wieder greift einer der beiden zum Handy. Dann ist das Display wieder aus. Dann Schweigen. Dann wieder Handy.

Zwischendurch überlege ich tatsächlich, ob ich die beiden einfach in unser Gespräch mit einbeziehen soll. Und dann halte ich mich zurück. Denn wer bin ich, darüber zu entscheiden, ob zwei andere Menschen glücklich sind? Vielleicht war dieser Abend für die beiden genauso perfekt, wie er war. Bei solchen Vermutungen gehen wir schließlich immer von uns selbst aus. Als der Tisch später leer ist, frage ich Massimo: „Ist dir das Paar auf deiner Linken aufgefallen?“ Er nickt. „Haben nicht viel gesprochen. Ob die uns zugehört haben?“ Wir lachen. 

Und wenn du dich jetzt fragst, warum ich dir diese Geschichte erzähle, dann stell dir einmal eine andere Frage: Wann warst du das letzte Mal mit einem Menschen zusammen, ohne dass dein Handy griffbereit war?

„Norman, meines ist immer auf lautlos.“

Schön. Und wo liegt es? Auf dem Tisch? Neben dir? Display nach oben? Display nach unten? Unser Telefon ist für die meisten von uns zum wichtigsten Begleiter geworden. Es plant unsere Routen, kennt die Öffnungszeiten unseres Lieblingsgeschäfts, beantwortet Fragen, fotografiert unser Leben, unterhält uns und findet im Internet fast alles, was wir brauchen – und einiges, was wir definitiv nicht brauchen. Und manche Hinterwäldler telefonieren sogar noch damit. Oldschool eben. Nur eines kann dieses kleine Gerät noch viel besser als jeder Mensch: Es kann unsere Aufmerksamkeit bekommen. Und genau darüber habe ich an diesem Abend nachgedacht.

Vor einigen Jahren durfte ich eine sehr besondere Frau treffen. Du kennst ihren Namen. Sie ist weltbekannt. Damals in Amsterdam, an diesem wunderschönen Mittwochabend, stellte ich auch ihr meine Frage, die ich so vielen Menschen stellte: „Was ist das Wichtigste, um erfolgreich im Leben zu sein?“

Was dann geschah, hat sich bis heute in mein Gehirn und mein Herz eingebrannt. Und nein – ich meine nicht ihre Antwort. Ich meine ihre Aufmerksamkeit. Diese Frau war in diesem Moment zu 100 Prozent bei mir. Mit keiner Faser ihres Körpers vermittelte sie mir das Gefühl, eigentlich woanders sein zu wollen. Sie sah mich an. Sie hörte mir zu. Sie nahm meine Frage ernst.

Für mich fühlte sich dieser Moment an, als gäbe es für diese wenigen Sekunden nur sie und mich auf diesem Planeten. Selbst Anke, die direkt neben mir stand, war gefühlt plötzlich verschwunden. Das Gespräch dauerte wahrscheinlich 30 Sekunden. Für mich fühlte es sich viel länger an. Und genau das ist mir geblieben.

Für mich ist echte Aufmerksamkeit eines der größten Geschenke, die wir einem anderen Menschen machen können. Nicht, weil wir die perfekte Antwort haben oder weil wir vielleicht eine Herausforderung lösen. Einfach weil wir diesem Menschen für einen Moment zeigen: Ich sehe dich. Ich höre dich. Du bist gerade wichtig. 

Und weißt du was? Genau deshalb ist Präsenz für mich auch eine der unterschätztesten Formen von Führung. Dein Mitarbeiter merkt, ob du ihm wirklich zuhörst oder nebenbei schon die nächste Mail formulierst. Schatzi merkt es. Deine Freunde merken es. Und deine Kinder sowieso. „Leg das Handy am Esstisch weg.“ Und kaum sind die Kids weg, sitzt du mit deinem Handy in der Hand in der von dir ausgerufenen „handyfreien Zone“.

Mach dir bitte bewusst: Menschen spüren, ob du nur im selben Raum oder wirklich da bist.

Wann wir damit angefangen haben, diese Aufmerksamkeit immer häufiger an dieses kleine Gerät abzugeben, ist für mich gar nicht die entscheidende Frage. Die wichtigere lautet: Bin ich bereit, sie mir zurückzuholen?

Du hast es in der Hand. Im wahrsten Sinne des Wortes. Denn du entscheidest, was dir in diesem Moment wichtiger ist: das Gerät in deiner Hand oder der Mensch vor dir. Und vielleicht probierst du diese Woche etwas ganz Einfaches aus. Wenn du dich mit einem Menschen triffst, der dir wichtig ist, lass dein Handy einmal im Auto oder zuhause. Nicht auf lautlos auf dem Tisch. Nicht mit dem Display nach unten. Einfach gar nicht da. Und dann schau mal, was passiert.

Denn irgendwann am Ende unseres Lebens werden wahrscheinlich keine Likes, Nachrichten oder Push-Mitteilungen neben deinem Bett sitzen. Im besten Fall werden da Menschen sitzen. Und vielleicht beginnt die Qualität dieser Beziehungen mit etwas so Einfachem wie der Entscheidung, heute wirklich 100 Prozent da zu sein.

P.S. Ach ja, die Frau in Amsterdam. Ich habe dir ihren Namen ja noch gar nicht verraten.
Ich weiß heute nicht mehr jedes Wort, das sie damals zu mir gesagt hat. Aber ich weiß noch ganz genau, wie ich mich in diesen 30 Sekunden gefühlt habe: gesehen. Und vielleicht sagt das alles über die Kraft echter Aufmerksamkeit. Danke dafür, liebe Michelle Obama.