In unserem letzten Karibik-Rebellen-Call schenkte uns Andrea ein schönes Wortspiel, das ihr eine Freundin mitgegeben hatte. Was bedeutet eigentlich „reich“? Das englische „re“ kann für „zurück“ stehen. Und was bleibt übrig? „Ich“. RE-ICH. Zurück - zu mir. Natürlich ist das keine sprachwissenschaftliche Herleitung des Wortes „reich“. Aber was für ein schöner Gedanke. So habe ich dieses Wort noch nie gesehen.
Passend zu meiner Inspiration in der letzten Woche über das Handy habe ich viele Rückmeldungen von euch erhalten. Vielen Dank dafür. Deshalb möchte ich dir passend zu den Themen RE-ICH und Handy noch einen Gedanken schenken, der auf einer sehr interessanten Studie basiert.
Für die Studie erklärten sich 467 Menschen bereit, für zwei Wochen das Internet auf ihrem Smartphone abzuschalten. Nicht das Smartphone selbst. Sie konnten weiterhin telefonieren und Nachrichten schreiben. Und am Computer konnten sie ebenfalls weiterhin ins Internet, ihre E-Mails bearbeiten und surfen. Nur dieses kleine Tor zur unendlichen Welt in ihrer Hosentasche wurde geschlossen. Kein Googeln, kein Social Media und auch kein Nachrichtenticker zwischendurch. Also kein: „Ich schaue nur mal ganz kurz …“
Zwei Wochen.
Und jetzt wird es spannend. Die Ergebnisse zeigten Verbesserungen beim subjektiven Wohlbefinden und bei der psychischen Gesundheit sowie bei der Fähigkeit, die Aufmerksamkeit über längere Zeit aufrechtzuerhalten. Bei mehr als 90 Prozent der Teilnehmer verbesserte sich mindestens einer dieser drei Bereiche.
Die Forscher stellten außerdem fest, dass die Menschen ihre Zeit anders verbrachten. Unter anderem mit mehr persönlichen sozialen Kontakten, Bewegung, Natur und Freizeitaktivitäten. Gleichzeitig berichteten sie von stärkerer sozialer Verbundenheit und mehr Selbstkontrolle.
Weißt du, vielleicht ist die eigentliche Herausforderung gar nicht, dass wir unser Handy benutzen. Unter uns: Ich liebe mein Handy. Es navigiert mich durch fremde Städte, ich arbeite damit von überall, schreibe Nachrichten an Menschen, die ich liebe, fotografiere ganz viele tolle Momente, höre Musik und organisiere damit meinen klassischen Alltag und somit mein Leben. Und ja, ab und zu telefoniere ich sogar damit. Du weißt, oldschool und so. Wobei ich kein Freund von Telefonieren bin. Daher mache ich das eher selten.
Der Knackpunkt liegt für mich an einer anderen Stelle: Wenn ich nicht mehr bewusst entscheide, wann und wofür ich meine Aufmerksamkeit weggebe. Ein Pop-up erscheint – klick. Das Handy vibriert – klick. Eine Nachricht kommt – klick. Ich stehe irgendwo und habe für 30 Sekunden nichts zu tun – klick. Und plötzlich ist eine Viertelstunde weg. Nicht weil ich entschieden habe: „Jetzt möchte ich 15 Minuten Instagram anschauen.“ Sondern weil meine Finger schneller entschieden haben als ich.
Und genau da beginnt für mich Selbstführung. Wir sprechen ständig davon, unser Leben selbst in die Hand zu nehmen, unsere Ziele zu verfolgen, Klarheit zu haben und Entscheidungen zu treffen. Aber wie sollen wir unser Leben führen, wenn wir nicht einmal mehr unsere eigene Aufmerksamkeit führen können?
Vielleicht ist Aufmerksamkeit längst eine der wertvollsten Währungen unserer Zeit geworden. Denn dort, wo deine Aufmerksamkeit hingeht, geht auch deine Energie hin. Und das beeinflusst, wie du denkst, fühlst und handelst. „Where attention goes, energy flows“, könnte man sagen.
Und es gab noch einen weiteren spannenden Aspekt in der Studie. Von den 467 Menschen, die sich freiwillig dafür gemeldet hatten, erfüllte nur ungefähr jeder Vierte das vorher festgelegte Kriterium, die Internetsperre tatsächlich mindestens zehn der vierzehn Tage durchzuhalten. Menschen, die freiwillig an dieser Studie teilgenommen haben, weil sie weniger am Smartphone sein wollten. Und trotzdem war es schwer.
Vielleicht hilft uns diese Studie dabei, hier und da wieder etwas mehr aufzuwachen und uns zu fragen, ob wir wirklich immer unser Handy in der Hand haben – oder ob unser Handy uns in der Hand hat. Denn mal ehrlich: Wie oft überschätzen wir unseren „freien Willen“, während wir, geleitet von Pop-ups und Pings, ganz automatisch über unser Display swipen?
Werde ich nun mein Smartphone einmotten oder das alte Nokia 6210 reaktivieren? Nein. Mit Sicherheit nicht. Und ich werde dir auch nicht erzählen, dass ich ab morgen zwei Wochen ohne mobiles Internet leben werde. Trotzdem möchte ich etwas anderes ausprobieren: Ich möchte wieder häufiger entscheiden, bevor mein Finger für mich entscheidet. Brauche ich das Handy gerade wirklich? Will ich jetzt bewusst etwas nachschauen? Oder greife ich danach, weil gerade drei Sekunden Leere entstanden sind und mir ja langweilig werden könnte?
Vielleicht machen wir diese Woche gemeinsam ein kleines Experiment. Wenn du das nächste Mal spazieren gehst, lass das Handy zu Hause. Geh ohne Handy zum Einkaufen. Geh auf jeden Fall ohne Handy zum nächsten Treffen mit Freunden. Und (Hinweis an mich selbst) lass das Handy beim Toilettenbesuch auch dort, wo es gerade liegt. Mach das stille Örtchen wieder genau dazu. Nimm dir mal kurz Zeit für dich.
Nicht weil Handys schlecht sind. Sondern weil deine Aufmerksamkeit dir gehört. Und vielleicht schließt sich genau hier der Kreis zu Andreas Gedanken vom Anfang. RE-ICH. Zurück zu mir. Denn für mich beginnt genau da innere Klarheit. Weniger bei der Frage, ob wir Technologie benutzen sollen oder nicht. Sondern bei der Frage: Wer führt hier eigentlich wen?
