Führungskräfte sollen ihre Mitarbeiter motivieren, Überlastung schnell erkennen und für ein gesundes Arbeitsklima sorgen. Doch wer achtet eigentlich darauf, wie es den Führungskräften selbst geht? Der HanseMerkur Longevity Leadership Report 2026 zeigt einen bemerkenswerten Widerspruch. Und wirft eine Frage auf, die weit über den Arbeitsplatz hinausgeht.

„Gehen Sie nach Hause. Sie sehen wirklich nicht gut aus.“

Der Chef meint es ernst. Sein Mitarbeiter ist seit Tagen angeschlagen, schleppt sich trotzdem zur Arbeit und versucht, irgendwie durchzuhalten. „Ihre Gesundheit geht vor. Wir bekommen das hier schon hin.“ Auf den ersten Blick eine exzellente Führungskraft.

Wäre da nicht eine Kleinigkeit.

Derselbe Chef sitzt abends um 22:30 Uhr noch am Laptop. Seit Tagen schläft er schlecht. Das Wochenende ist längst mit Arbeit verplant. Und als er selbst krank wird, meldet er sich nicht ab. Schließlich trägt er Verantwortung und arbeitet im schlimmsten Fall auch noch im Homeoffice Tag und Nacht weiter… Eben für alle. Nur offenbar schaut er zuletzt auf und nach sich selbst.

Was wie eine überspitzte Alltagsszene klingt, beschreibt einen Widerspruch, den der HanseMerkur Longevity Leadership Report 2026 sichtbar macht. 67 Prozent der befragten Führungskräfte geben an, dass es ihnen leichter fällt, auf die Gesundheit ihrer Mitarbeiter zu achten als auf die eigene. 53 Prozent arbeiten weiter, obwohl sie sich eigentlich nicht arbeitsfähig fühlen. Und 60 Prozent haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie sich krankschreiben lassen.

Für die Untersuchung wurden im August 2026 insgesamt 500 vollzeitbeschäftigte Führungskräfte in Deutschland befragt. Diese Zahlen sollten nachdenklich machen. Denn in Unternehmen wird ständig über gesunde Führung, Resilienz und Mitarbeitermotivation gesprochen. Aber vielleicht wird dabei eine entscheidende Frage übersehen: Wie soll jemand anderen dauerhaft Kraft geben, wenn die eigene längst aufgebraucht ist?

Wenn Verantwortung zur Selbstaufgabe wird

Führungskräfte stehen häufig zwischen den Stühlen. Die Mitarbeitenden wünschen sich Unterstützung, die Geschäftsführung erwartet Ergebnisse und die Kunden verlangen Verlässlichkeit und Erreichbarkeit. Gleichzeitig sollen Veränderungen umgesetzt, Konflikte gelöst und wirtschaftliche Ziele erreicht werden.

Wer in diesem Spannungsfeld Verantwortung übernimmt, gerät leicht in die Versuchung, die eigenen Bedürfnisse hintenanzustellen. Noch eine E-Mail und auch nur noch ein Telefonat. Zum Glück ist das Wochenende ja noch frei, um die Präsentation fertig zu machen. Schließlich ist „Perfektion“ gerade gut genug. Doch genau hier liegt ein gefährlicher Denkfehler.

„Häufig verwechseln wir im Unternehmen ständige Verfügbarkeit mit Verantwortungsbewusstsein“, sagt Norman Gräter, mehrfach ausgezeichneter Keynote Speaker für Motivation und mentale Gesundheit. „Dabei ist eine Führungskraft nicht automatisch besser, nur weil sie als Letzte das Büro verlässt oder selbst krank noch erreichbar ist.“

Gräter kennt die Mechanismen aus eigener Erfahrung. Mehr als 24 Jahre war er in der Unternehmens- und Eventwelt tätig. Er verantwortete Veranstaltungen, organisierte komplexe Projekte und erlebte, wie schnell aus Begeisterung für den eigenen Beruf ein Alltag werden kann, in dem das Funktionieren wichtiger erscheint als das bewusste Erleben.

„Ich habe meinen Beruf geliebt. Aber irgendwann war ich gedanklich immer schon beim nächsten Termin, beim nächsten Projekt, bei der nächsten Aufgabe. Man kann beruflich erfolgreich sein und gleichzeitig vergessen, das eigene Leben zu leben. Zudem hatte ich eine Chefin, die oftmals die Nacht durchgearbeitet hat, dann kurz zum Duschen nach Hause gefahren ist, sich ein Brot gemacht hat und um 08:00 morgens wieder am Arbeitsplatz saß. Lange Zeit hatte das Team daher Angst, „pünktlich“ als Erster zu gehen.“

Was wäre, wenn die Folgen weit über die Gesundheit hinausreichen?

Die HanseMerkur-Studie macht deutlich, wie schwer es vielen Führungskräften fällt, die eigene Gesundheit ebenso ernst zu nehmen wie die ihrer Mitarbeiter. Doch was passiert, wenn dieser Gedanke in eine andere Richtung weitergedacht wird? Was wäre, wenn die langfristigen Folgen eines Lebens im permanenten Arbeitsmodus nicht nur die Gesundheit betreffen? Sondern auch die Partnerschaft, die Familie, Freundschaften und sogar das eigene Selbstbild.

Ein weiterer Blick auf die Studienergebnisse zeigt, dass die Belastungen nicht an der Bürotür enden. 37 Prozent der befragten Führungskräfte geben an, dass Freundschaften in ihrem Alltag zu kurz kommen. Bei 33 Prozent ist es die Familie. Damit stellt sich eine Frage, die über die gesundheitlichen Folgen hinausgeht: Was geschieht langfristig mit den Beziehungen und dem eigenen Selbstbild, wenn der Beruf immer wieder Vorrang bekommt?

Da ist der Partner, der sich irgendwann daran gewöhnt, dass selbst beim gemeinsamen Abendessen das Smartphone auf dem Tisch liegt. Und die Kinder, die nicht mehr fragen, ob am Wochenende Zeit für sie bleibt, weil die Antwort ohnehin meistens dieselbe ist. Dann gibt es da noch die Freunde, deren Einladungen immer häufiger abgesagt werden, bis irgendwann keine Einladungen mehr kommen. All das geschieht selten von heute auf morgen.

Es sind die vielen kleinen Entscheidungen, die zunächst vernünftig erscheinen. Das wichtige Meeting. Die dringende Kundenanfrage. Das Projekt, das unbedingt noch abgeschlossen werden muss. Und natürlich gibt es Phasen, in denen ein Beruf außergewöhnlich viel Einsatz verlangt. Problematisch wird es, wenn aus einer intensiven Phase ein dauerhafter Lebensstil entsteht. „Als ich damals für sechs Jahre an einem riesengroßen Projekt gearbeitet habe, hat mir meine damalige Partnerin vier Monate vor Abschluss des Projekts folgendes gesagt: „Unsere Beziehung ist jetzt vorbei. Ich kann nicht mehr. Mach erstmal dein Projekt fertig und dann sehen wir weiter. Denn in all den Jahren, in denen wir zusammen sind, warst du nie da.“ Ich zog die Augenbrauen zusammen. „Natürlich war ich da. Wir hatten grandiose Urlaube und Momente…“ „Ja, mag sein“ unterbrach sie mich. „Körperlich warst du zwar da, nur in Gedanken, warst du immer bei deinem Projekt. Daher ist es jetzt vorbei mit uns“, erzählt Norman Gräter heute. Wenn für alles Zeit bleibt, außer für das eigene Leben und die Menschen, die damit zu tun haben.

Schock: Wenn die Visitenkarte plötzlich nichts mehr wert ist

Besonders deutlich kann dieser Widerspruch werden, wenn die berufliche Rolle eines Tages wegfällt. Durch eine Kündigung, eine längere Erkrankung oder ganz einfach durch den Eintritt in den Ruhestand. Plötzlich steht kein beruflicher Titel mehr unter dem Namen. Der Firmenwagen wird zurückgegeben. Die Einladungen zu wichtigen Veranstaltungen bleiben aus. Und das Telefon, das früher kaum stillstand, klingelt so gut wie nicht mehr. Menschen, die jahrelang täglich miteinander gearbeitet haben, können überraschend schnell den Kontakt verlieren.

Nicht unbedingt aus böser Absicht. Nur waren diese Beziehungen schlicht an eine gemeinsame berufliche Aufgabe gebunden und die Aufgabe geht für den anderen mit neuen Menschen weiter. Der Kollege hatte doch auch nie Zeit für Privates. Warum sollte er also heute damit anfangen und mit dem in Rente gegangenen Ex-Kollegen anfangen?

Was geschieht eigentlich mit einem Menschen, der über Jahrzehnte einen großen Teil seines Selbstwertgefühls aus genau dieser Anerkennung bezogen hat? Der im Berufsalltag immer wichtig war, weil er Entscheidungen treffen konnte. Weil er Verantwortung trug und andere seinen Rat brauchten? Und der plötzlich feststellen muss, dass sich kaum noch jemand meldet.

Wenn gleichzeitig persönliche Freundschaften vernachlässigt wurden und die Beziehung zur eigenen Familie gelitten hat, kann der Verlust der beruflichen Rolle zu einer erheblichen Belastung werden. „Eine Position ist keine Identität“, sagt Gräter. „Wer seinen Wert ausschließlich daran misst, welchen Titel er trägt, wie viele Menschen ihn brauchen oder welches Auto vor der Tür steht, baut sein Selbstbild auf etwas auf, das jederzeit verschwinden kann.“ Das bedeutet nicht, dass beruflicher Erfolg unwichtig wäre. Im Gegenteil. Doch Erfolg sollte das eigene Leben bereichern und nicht irgendwann an dessen Stelle treten.

Warum die Sauerstoffmaske ein gutes Vorbild für Führungskräfte ist

Dabei gibt es ein erstaunlich einfaches Bild für den Umgang mit Verantwortung, welches wir alle kennen. „Im Falle eines Druckverlustes fallen Sauerstoffmasken aus den Fächern über Ihnen. Ziehen Sie diese über Mund und Nase, atmen normal weiter und erst dann… helfen Sie mitreisenden Passagieren und Kindern.“ Niemand würde diese Aussage oder das damit verbundene Verhalten als egoistisch bezeichnen. Es ist notwendig, um überhaupt helfen zu können.

Im Berufsleben scheint diese Logik jedoch häufig außer Kraft gesetzt. Eine Führungskraft, die krank zur Arbeit erscheint, gilt mitunter als besonders engagiert. Wer ständig erreichbar ist, demonstriert vermeintlich Einsatzbereitschaft. Wer hingegen bewusst Grenzen setzt, Termine absagt oder sich eine Auszeit nimmt, muss seine Entscheidung gelegentlich rechtfertigen. Erst mal den anderen helfen, Luft anhalten und weiterhin Vollgas geben. Tja, wie lange geht so etwas gut?

Dabei sollte die Frage eine ganz andere sein: Was nützt einem Unternehmen eine Führungskraft, die für alle anderen Verantwortung übernimmt, dabei aber sich selbst und ihr privates Umfeld aus den Augen verliert? Gesunde Führung beginnt deshalb nicht erst bei Maßnahmen zur Mitarbeitermotivation. Sie beginnt mit der Erkenntnis, dass auch Führungskräfte Menschen sind. Menschen mit Bedürfnissen, Beziehungen, Grenzen und einem Leben außerhalb des Unternehmens.

Unternehmen müssen Gesundheit ermöglichen – nicht nur erwarten

Allerdings greift es zu kurz, die Verantwortung ausschließlich bei den einzelnen Führungskräften abzuladen. Wer ständig erreichbar sein muss, dauerhaft zu wenig Personal zur Verfügung hat oder für jede Auszeit ein schlechtes Gewissen vermittelt bekommt, kann seine Gesundheit nicht allein durch bessere Selbstorganisation schützen. Gesunde Führung braucht deshalb auch gesunde Rahmenbedingungen.

Unternehmen sollten hinterfragen, welche Erwartungen sie an ihre Führungskräfte stellen. Ob Pausen und Erholungszeiten tatsächlich respektiert werden. Ob Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt ist. Und ob Führungskräfte offen über Überlastung sprechen können, ohne berufliche Nachteile befürchten zu müssen.

Denn die Botschaft „Achten Sie auf Ihre Gesundheit“ verliert ihre Glaubwürdigkeit, wenn gleichzeitig jede E-Mail am Wochenende eine sofortige Antwort verlangt. „Führungskräfte prägen durch ihr Verhalten die Kultur eines Unternehmens“, erklärt Gräter. „Wenn der Chef selbst krank noch arbeitet, sendet er damit eine Botschaft an sein Team. Selbst dann, wenn er seinen Mitarbeitern ausdrücklich etwas anderes empfiehlt.“

Wer hingegen zeigt, dass Leistung und Erholung zusammengehören, kann dazu beitragen, einen anderen Umgang mit Verantwortung zu etablieren. Das erfordert manchmal Mut. Den Mut, nicht immer verfügbar zu sein. Den Mut, Aufgaben abzugeben. Und den Mut, anzuerkennen, dass das eigene Leben mehr ist als die berufliche Funktion.

Die vielleicht wichtigste Frage kommt erst am Ende

Der HanseMerkur Longevity Leadership Report zeigt, dass viele Führungskräfte besser auf die Gesundheit ihrer Mitarbeiter achten als auf die eigene. Doch möglicherweise liegt die eigentliche Herausforderung noch tiefer. Es geht nicht nur darum, rechtzeitig eine Pause einzulegen oder bei Krankheit zu Hause zu bleiben.

Es geht auch darum, sich ein Leben zu bewahren, das unabhängig von beruflichen Erfolgen trägt. Mit Menschen, die nicht wegen einer Position anrufen. Mit Freundschaften, in denen niemand nach dem nächsten Quartalsergebnis fragt. Und mit einem Selbstwertgefühl, das nicht davon abhängt, wie wichtig man für ein Unternehmen gerade ist.

„Freude am Leben ist für mich kein Bonus, den man sich nach einem erfolgreichen Arbeitstag verdient hat“, sagt Gräter. „Sie ist eine wesentliche Grundlage dafür, langfristig erfolgreich und mit Begeisterung arbeiten zu können.“

Vielleicht sollten Unternehmen und Führungskräfte deshalb nicht nur darüber nachdenken, wie sie ihre Leistungsfähigkeit möglichst lange erhalten. Sondern auch darüber, wofür sie diese Leistungsfähigkeit eigentlich einsetzen möchten.

Denn am Ende bleibt eine Frage, die sich weder mit einem größeren Gehalt noch mit einem beeindruckenden Titel beantworten lässt: Wer wäre noch da, wenn morgen die Visitenkarte nichts mehr wert wäre?

Ein Perspektivwechsel für Führungskräfte

Wie lässt sich der Blick wieder auf das eigene Leben und die Menschen hinter der beruflichen Rolle richten? In seiner Keynote „Heute ist der schönste Tag meines Lebens“ greift Norman Gräter Lebensfreude, Selbstreflexion und den Umgang mit Rückschlägen auf – als Impuls für die nächste Firmenveranstaltung.

Über Norman Gräter

Norman Gräter ist mehrfach ausgezeichneter Keynote Speaker, Autor und Experte für Motivation, mentale Gesundheit und persönliche Entwicklung. Nach mehr als 24 Jahren in der Unternehmens- und Eventwelt unterstützt er heute Unternehmen und Führungskräfte dabei, Motivation, Wertschätzung und eine gesunde Unternehmenskultur nachhaltig zu stärken.

Seine zentrale Botschaft lautet: „Freude am Leben = Erfolg im Job.“

Weitere Informationen: Norman Gräter

Studienquelle

HanseMerkur Longevity Leadership Report 2026 — Online-Befragung von 500 vollzeitbeschäftigten Führungskräften in Deutschland durch Ipsos im Auftrag der HanseMerkur, 13.–24. August 2026.